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Sibylle Benninghoff-Lühl
Institut für deutsche Literatur
Humboldt-Universität zu Berlin
Dorotheenstraße 24 • D-10117 Berlin

benninghoff-luehl@t-online.de

Sibylle Benninghoff-Lühl: Figuren des Zitats. Eine Untersuchung zur Funktionsweise übertragener Rede.
J. B. Metzler, Stuttgart 1998. 392 Seiten.

 


DER TAGESSPIEGEL SONNTAG, 3. OKTOBER 1999 S. W 4

Wie die umtänzelte Gewalt
eines schnaubenden Stieres

Eine brillante Studie fragt nach dem Zitat auf der Bühne des Textes

 

LITERATURWISSENSCHAFT

"Zitat ist was zitiert wird" zitiert Sibylle Benninghoff-Lühl am Anfang ihrer Untersuchung, die sich mit einer so schmalen, tautologischen Erklärung nicht zufrieden geben will.
Ihr Buch setzt da ein, wo das Zitat in Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten wie selbstredend auftaucht. Ausgestattet mit einem außergewöhnlichen Sprachgefühl, schreibt Benninghoff-Lühl eine Geschichte und eine Theorie des Zitats. Den Bogen durch die Geistesgeschichte des Zitats schlägt sie mit Paul de Man, ihm folgend, sieht sie noch das reinste, nackte Sprechen in metaphorische Netze eingebunden. "Eigentlich ist alles Figuration, was man gewöhnlich Rede nennt" zitiert sie de Man, der seinerseits Nietzsche zitiert - und sie zeigt mit ihrem Nachdenken über die Figürlichkeit der Sprache, dass es in dieser Reflexion, wie de Man sagt, "weder Halt noch Ziel" geben kann.
Ihre Untersuchung liest das sprachliche Gebilde "Zitat" als Figur.

Figuren verstehen sich als metaphorische "Weisen der Übertragung von Ort zu Ort die Bedeutung im Zuge ihrer Apostrophierung öffnen: Zitate sind Fensterchen anderer Texte, durch die diese ihre Winke geben. Und gelegentlich zwinkern. Zitate sind, sofern Spielregeln des Zitierens eingehalten werden, sichtbar; Zitate sind Augen im Text, mit denen ein Text auch aus sich selbst heraus- und in andere Redeweisen hineinschauen kann. Zitate stehen buchstäblich heraus: eingerückt, in Anführungszeichen, sind Zitate "Kippfiguren des Lesens" (de Man), blinde Flecken, die eilige Leser gern überspringen. Manchmal sind Zitate bloß blinde Fenster.

Die Geschichte der Zitate beginnt mit ihren Nachweisen. Benninghoff-Lühl schreibt Aristoteles die erste genaue Quellenangabe zu und macht auf den Doppelsinn des Wortes "Angabe" aufmerksam. Das "Angeben (mit) einer Quelle", ohne den Quellentext überhaupt gelesen zu haben, ist eine schon in der Antike verbreitete Unart. Hier werden die Zitate zu Schwindlern. Wo sie sich nicht ausweisen, werden sie "kryptische Zitate" genannt. Die Grenzen zum Diebstahl geistigen Eigentums verlaufen fließend.

Mancher Text hüpft wie ein
Eichhörnchen - von
Duftmarke zu Duftmarke

Kryptische Zitate spielen mit dem Leser gern Verstecken, sie gelangen überhaupt nur durch ihre Entdeckung zur spezifischen Wirkung. Den Leser, der sie dechiffriert, belohnt der Stolz des Entdeckergefühls. Mit der Zeit haben literarische Texte, die sich aus kryptischen Zitaten zusammenschreiben, ein eigenes Genre ausgebildet. In der Konstruktion von Texten übernehmen Zitate oft Scharnierfunktionen, sie erleichtern Übergänge, treten an die Nahtstelle, wo ein Gedanke nicht mehr weiter weiß. Es gibt auch Texte, die wie ein Eichhörnchen von Wipfel zu Wipfel, von Zitat zu Zitat hüpfen - und sich so immer auf einer Höhe halten.

Zitate weisen Text und Autor aus, sind Duftmarken, wie Hunde sie setzen. Texte dekorieren sich mit bekannten oder weniger bekannten "Prunkzitaten" (Wackwitz), die zur Beschwörung des Geistes (lat. citare u.a.beschwören) herhalten dürfen. Goethe zum Beispiel geht immer. Gelegentlich kommt es auch zur Bildung von "Zitierkartellen". Magisterarbeiten zitieren ihre Betreuer, Dissertationen ihre Doktorväter oder -mütter, ExKommilitonen einander ein akademisches Leben lang. Zitate können auch akademische Genealogien zeichnen. Dabei bleibt ein Zitat Sprache aus zweiter Hand (Mattenklott). Der Text, in den sie eingelassen worden sind, spricht, wie die Nymphe Echo im Mythos von Narziss, mit geliehener Stimme. Und Zitate können, wie die Nymphe, in der Wiederholung die Bedeutung des ursprünglich Gesagten verändern. Auch für Zitate gilt Paul de Mans Rhetorik der Zeitlichkeit: die Figur des Zitats" ist die "Wiederholung einer Vorgabe, von der sie abweicht, weil Zeit im Zuge der Wiederholung verstrichen ist und der Raum sich verändert hat".

In Zitaten sprechen auch die Toten weiter. Benninghoff-Lühls Buch ist eine große, faszinierende, gut geschriebene Sammlung, in der das Zitat zuletzt auch einmal in einer Stierkampfarena auftreten darf. So erfährt der Leser, dass in der Sprache des Stierkampfes das deutliche Auftreten mit dem Stiefelabsatz, das den Stier noch ein klein wenig mehr provozieren soll, spanisch citar heißt. Die Geste des großen Zitats ist dieser ähnlich. die Anführungszeichen unten markieren den Sohlenabdruck im Sand. Und welcher Autor wünscht sich nicht die sprachlich elegant umtänzelte Gewalt eines schnaubenden Stieres in seinen Text hinein?

Zu oft nur, leider, verlaufen sich die Beschwörungsversuche im Absatzklappern einiger abgetretener Zitate.

D A V I D  W A G N E R

 

     
     
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